Die Wortkreation Web 2.0 hat geholfen, die Diskussion um das Internet weiterzuführen. Klar, der Begriff wird inzwischen inflationär verwendet, auch von Leuten, die ihn gar nicht verstehen. Manche denken: Oh, es hat bestimmt was mit Blogs zu tun oder mit sozialen Netzwerken oder einer bestimmten Art, fürs Internet zu programmieren. Das ist falsch. Eigentlich bedeutet es, Computeranwendungen zu entwickeln, die ihre Stärke aus Netzwerkeffekten beziehen und dadurch Dinge möglich machen, die es sonst nicht gäbe. Denken Sie daran, wie der Personal Computer unsere Gesellschaft verändert hat. Die Geschäftswelt, unser Zusammenleben, unsere Interaktionen. Genauso ist es mit dem Web 2.0. Es ist ein anderer, in der Wucht aber vergleichbarer Fortschritt: Das Internet ist eine Datenplattform geworden, und der Begriff Web 2.0 illustriert den Versuch, die Gesetzmäßigkeiten dieser Plattform zu verstehen.
Die erste und wichtigste ist, dass Anwendungen mit jedem Benutzer stetig besser werden, weil sie auf diese oder jene Weise kollektive Intelligenz nutzbar machen und die Welt zu einer Art globalem Gehirn verknüpfen. Viele und gute Daten sind also die entscheidende Zutat der Web-2.0-Anwendungen. Ein konkretes Beispiel: Vergleichen Sie einmal das sehr erfolgreiche Internet-Warenhaus Amazon mit der weniger erfolgreichen Konkurrenz. Amazon macht sein Angebot besser, indem zum einen Nutzer motiviert werden, aufwändige Bewertungen abzugeben. Zum anderen: Wenn man etwas kauft, wird gleich mitgeteilt, was andere Käufer des gleichen Produktes erworben haben. Die Aktivität von Menschen macht auch die weltgrößte Internet-Suchmaschine Google schlauer. Jedes Mal, wenn jemand einen Link zu einer anderen Webseite legt, füttert er Google mit Information. Mit jeder Suche ebenso. Jahrelang waren wir der Meinung, Software sei eine Maschine, ein verlässliches, stabiles, mechanistisches Instrument, das für immer und ewig auf die gleiche Frage die gleiche Antwort gibt. Internet-Software dagegen ändert sich jeden Tag, und die Voraussetzungen, auf die sie trifft, ändern sich ebenfalls. Es ist ein permanentes Improvisieren. Kürzlich sprach ich mit einem Vorstandsmitglied von Google. Ich fragte: Google würde ohne permanente Beaufsichtigung bestimmt in ein paar Wochen zusammenbrechen, oder? Falsch, sagte er. In ein paar Tagen. Die Suchalgorithmen müssen permanent neu justiert, unerwünschte Spam-Mails bekämpft werden.
Quelle: Berliner Zeitung 22.01.07
